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Kopftuchzwang hat negative Folgen für unsere Gesellschaft

Im Iran werden Debatten über die Folgen der mehr als 30-jährigen Herrschaft der islamischen Regierung immer lauter. Eines der wichtigsten Themen: die Zwangsverschleierung der Frauen. Einer ihrer Kritiker ist Mostafa Tajzadeh, ehemaliger stellvertretender Innenministers und führendes Mitglied der "Organisation der Mudschahidin der Islamischen Revolution“. Wegen der Unterstützung von Rivalen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad sitzt Tajzadeh derzeit im Teheraner Evin-Gefängnis. mehr »

 

Im Rahmen eines Briefwechsels mit Ali Motahari, einem einflussreichen konservativen Parlamentsabgeordneten, hat sich  Mostafa Tajzadeh zum Thema Verschleierung geäußert. In seinem dritten Brief an Motahari vergleicht er den Schleier im Iran mit dem Schleier in anderen islamischen Ländern. Tajzadeh ist davon überzeugt, dass die Zwangsverschleierung in der Islamischen Republik Iran weder zur „seelischen Beruhigung der Gesellschaft“, noch zur „Stärkung der Familienbasis“ geführt hat, sondern im Gegenteil viele negative Folgen mit sich gebracht hat. TFI dokumentiert Auszüge aus seinem letzten Brief:

„Am Anfang muss ich – zur Vermeidung von Missverständnissen und unnötigen Auseinandersetzungen – klarstellen, dass ich mich mit den Begriffen ‚Zwangsverschleierung’ und ‚keine Verschleierung’ auf gesetzlich verankerte Gebote oder Verbote des Kopftuchs im öffentlichen Leben oder an bestimmten Orten beziehe.

Ich betone nochmals, dass ich an das islamische Gebot der Notwendigkeit des Schleiers (Hijab) glaube. Ich glaube, dass in einer islamischen Gesellschaft die Regierung das Volk zur Einhaltung der islamischen Kleiderordnung ermutigen sollte.

Unsere Debatte handelt vom Kopftuchzwang oder –verbot durch Regierungen. Bestimmt haben Sie nicht vergessen, dass ich schon in meinem ersten Brief zwei Schlüsselfragen aufgeworfen und erwartet hatte, Antworten darauf zu erhalten: Erstens, welche Indizien und Beweise können Sie über Zwangsverschleierung anhand der Schriften des heiligen Korans und der prophetischen Tradition liefern? Wo in den schiitischen oder sunnitischen Fetwa steht etwas über Zwangsverschleierung? Zweitens: Belegen die Erfahrungen mit der Zwangsverschleierung oder aber mit dem Verschleierungsverbot jeweils eine erfolgreiche Politik?

Sie haben meine erste Frage nicht beantwortet (anscheinend haben Sie keine gültigen Beweise). Sie haben lediglich ausgeführt, dass alle islamischen Rechtswissenschaftler sich einig sind, dass ‚das Gebieten dessen, was gerecht ist, und das Verbieten dessen, was böse ist’ der Verantwortung der Regierung unterliege und nicht der des Volkes. Meine Frage war aber, ob die Regierung laut Koran und Scharia dazu verpflichtet ist, das Volk – Musliminnen und Nicht-Musliminnen -, zur Kopfbedeckung zu zwingen.

Verkehrsregeln

Mustafa Tajzadeh: "Wir Muslime haben uns über Jahrhunderte hinweg an die Tyrannei gewöhnt. Nun ist es an der Zeit, sich vorzubereiten, um in einer demokratischen Atmosphäre zu leben."

Sie haben mich gefragt: ‚Warum halten Sie denn die Zustimmung des Volkes zur Durchführung von Vorschriften, die den Verkehr, die öffentlichen Gesundheit oder die Bildung betreffen, nicht für notwendig, für die islamische Verkleidung aber schon? – Obwohl sie alle gleichermaßen der Wahrnehmung der Interessen des Individuums und der Gesellschaft dienen und nicht als Einschränkung der Freiheit betrachtet werden können!“

Sie selbst wissen, dass es Notwendigkeiten gibt, ohne deren Berücksichtigung die gemeinsame Existenz von Menschen nicht möglich ist: Die ‚Einhaltung der Verkehrsvorschriften’ und ‚öffentliche Gesundheit bzw. Hygiene wie etwa verschiedene Impfungen’ gehören dazu. Deshalb würde kein Anhänger irgendeiner Religion, kein Politiker, kein Intellektueller oder Oppositioneller jemals der Verabschiedung von verbindlichen Regelungen in diesen Bereichen widersprechen oder sie in Frage stellen.

Berufung auf die kollektive Vernunft

Wenn man den Maßstab der kollektiven Vernunft zugrunde legt, dann darf eine Regierung keinerlei Verpflichtungen in Sachen Hijab (Kopftuchverbot oder -zwang) auferlegen. Die öffentlichen Einrichtungen in einer islamischen Gesellschaft sollten aber durchaus die Ausbereitung der religiösen Bekleidung und deren unverbindliche Umsetzung fördern. Auch sollte sichergestellt werden, dass keine muslimische Frau wegen ihrer Verschleierung benachteiligt wird.

Wenn aber selbst der kollektiven Vernunft nicht Folge geleistet werden sollte, dann sollte man zumindest eine belastbarere Grundlage für die Beantwortung der Frage der Notwendigkeit der Zwangsverschleierung haben als den bloßen Vergleich mit der Einhaltung von Verkehrsregeln!

Verkehrsregeln sind unverzichtbar. Es ist nicht und nirgendwo möglich, ohne sie in der heutigen Welt zu leben. Muslime hingegen können, wo immer sie auch leben – auch als Minderheit in einem Land –, ihre Religion auch ohne Zwangsverschleierung ausleben, sogar ihren Glauben verteidigen und der islamischen Kleiderordnung entsprechend bekleidet in der Gesellschaft präsent sein. Interessanterweise ist – trotz der negativen Propaganda in der Welt – die Neigung der Europäer und Amerikaner, dem Islam beizutreten, höher als ihre Neigung zur Konversion zu allen anderen Religionen.

Unverschleiert sein heißt sexuelle Erregung

Ali Motahari

Ali Motahari: "Die Freiheit der Kleiderordnung bedeutet Freiheit der sexuellen Erregung der Gesellschaft".

Sie haben geschrieben: ‚Die Freiheit der Kleiderordnung bedeutet Freiheit der sexuellen Erregung der Gesellschaft, und Freiheit der sexuellen Erregung hat Konsequenzen wie etwa Nachtclubs und Diskotheken.’ Dann haben Sie mich gefragt: ‚Wünschen Sie denn so etwas? Wenn nicht, wie würden Sie mit den Folgen dieser Freiheit wie etwa diversen psychischen Komplexen, die manche Menschen in Verbrecher verwandeln, umgehen?’

Ich frage Sie dagegen: Brauchen die Menschen in den 98 Prozent aller Länder, in denen die Kopfbedeckung freiwillig ist, unbedingt ‚Nachtclubs und Diskotheken’? Haben sie ‚Komplexe’ und sind sie anfällig für Kriminalität? Haben in unserem Land mit Zwangsverschleierung (oder in Afghanistan während der Taliban-Herrschaft) die Menschen keine Komplexe und gibt es daher keine Kriminalität, weil es keine sexuellen Erregungen gibt? Benötigen wir daher keine ‚Nachtclubs und Diskotheken’?

Und was ist mit den Ländern, in denen die Kleiderordnung komplett frei ist, in denen es Hunderte von Clubs, Diskotheken und Casinos gibt, in denen Kinos, Fernsehkanäle und das Internet pornographische Filmen zeigen und in denen erotische Bücher und Magazine für alle sehr leicht zugänglich sind? Haben die Muslime dort das Bedürfnis, in ‚Discotheken’ zu gehen oder bekommen sie ‚Komplexe’?

Ich glaube nicht, dass die muslimische Jugend in diesen Ländern stärker als die im Iran psychischem Druck ausgesetzt ist. Da keine Feldforschung hierüber durchgeführt wurde, beharre ich zwar nicht darauf, aber ich betone, dass die Bekleidung vieler iranischen Jugendlicher sich nicht sehr unterscheidet von der der muslimischen Jugend in anderen islamischen Ländern, in denen das Tragen des Hijab freiwillig ist – wie etwa in der Türkei, Malaysia, Indien, dem Libanon, Ägypten und Palästina.

Ergebnisse dreißigjähriger Zwangsverschleierung

Ich will ferner über die negative Folgen der dreißigjährigen Zwangsverschleierung sprechen.

Laut einer im Juli 2011 veröffentlichten Statistik hat sich die Zahl der Inhaftierten im Iran in den vergangenen dreißig Jahren von 20.000 auf 200.000 erhöht, obwohl sich die iranische Bevölkerung lediglich verdoppelt hat! Die Scheidungsrate ist von 84.000 Fällen in 2005 auf 127.000 Fälle in 2010 gestiegen. Dieser Zuwachs um über 50 Prozent zeigt den Anstieg nur in den vergangenen fünf Jahren. Derartig hohe Zuwachsraten gibt es in kaum einem anderen Land der Welt.

Jugend und islamische Bekleidung

Die Ignoranz der überwiegenden Mehrheit der jungen Menschen im Iran gegenüber der islamischen Bekleidung ist ein Zeichen der Entfremdung der Gesellschaft von dem, was die Regierung offiziell bewirbt. Noch wichtiger: Ich glaube, dass das moralische Grundgerüst der Gesellschaft beschädigt und geschwächt ist. Die Statistiken aller Arten von sozialen Phänomenen und Verbrechen wie Drogensucht, Prostitution, Weglaufen von zu Hause, Scheidung, Diebstahl, Scheckbetrug, Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und so weiter zeigen, in welch bedauerlichem kulturellen, sozialen und ethischen Dilemma unsere Gesellschaft steckt.

Meine Frage ist, ob die Konservativen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten ihre Aufmerksamkeit auf das Kopftuch gerichtet haben, diesen sozialen Phänomenen und Verbrechen genau so viel Aufmerksamkeit geschenkt haben? Haben etwa große finanzielle Schäden, Todesopfer durch Verkehrsunfälle oder durch Missachtung von Gesundheitsvorschriften, deren Sicherstellung die erste Pflicht jeder Regierung ist, genau so viel Aufmerksamkeit auf sich gelenkt wie das Kopftuch? Haben der Bildungszustand und die zerstörerischen Gefahren, die junge Akademiker bedrohen, genau so viel Aufmerksamkeit und Energie auf sich gelenkt wie die islamische Bekleidung der Frauen?

Ich möchte gar nicht über die Luftverschmutzung, die Erdbebenanfälligkeit der Teheraner Gebäude, die Arbeitslosigkeit oder die hohe Inflation sprechen! Ich komme aber nicht umhin, die Nachlässigkeit der Politiker gegenüber diesen Entwicklungen in Frage zu stellen und danach zu fragen, in welchem Zustand sich das Volk im vierten Jahrzehnt nach der Errichtung einer islamischen Regierung befindet!

Ich weiß, dass wir Muslime über Jahrhunderte hinweg mit autoritären und diktatorischen Regierungen zu tun hatten und uns an die Tyrannei gewöhnt haben. Nun ist es an der Zeit, sich vorzubereiten, um in einer demokratischen Atmosphäre zu leben. Dies wird bestimmt nicht einfach, aber wenn wir uns Sicherheit, Freiheit und Respekt wünschen, dann müssen wir auch unsere Gegner respektieren und das Gleiche für sie achten und anerkennen.“

Zur Person:

Seyyed Mostafa Tajzadeh, geb. 1956, hatte während der Regierungszeit des reformistischen Präsidenenten Mohammad Khatami mehrere staatliche Ämter inne. Er ist führendes Mitglied der „Partizipationsfront des Islamischen Iran“ sowie der „Organisation der Mudschahidin der Islamischen Revolution“. Tajzadeh wurde nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen von 2009, wegen Unterstützung von Rivalen des amtierenden Präsidenten Mahmoud Ahmadyneschad, verhaftet und nach neun Monaten freigelassen. Er schrieb mehrere kritische Artikel und wurde erneut verhaftet. Zurzeit sitzt er im Teheraner Evin-Gefängnis. Seine Frau, Fakhrossadat Mohtashemi, führendes Mitglie der reformistischen „Partizipationsfront des Islamischen Iranwurde ebenfalls verhaftet und zu vier Jahren Haft mit Bewährung verurteilt.