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Drogenmissbrauch im Iran: erschreckende Zahlen

Sechs Millionen Euro werden im Iran täglich für Drogen ausgegeben, alle zwei Minuten werden anderthalb Kilogramm Rauschgift beschlagnahmt – so die offiziellen Zahlen. Experten behaupten jedoch, die realen Missstände hätten die Statistiken längst überholt. Eine Bestandsaufnahme. mehr »

In den vergangenen neun Monaten seien im Iran jeden  Tag durchschnittlich 1.192 Kilogramm Rauschgift beschlagnahmt, täglich fünf Drogenbanden zerschlagen und jede Stunde etwa 30 Dealer und Drogenabhängige verhaftet worden. Das gab der Chef der iranischen Antidrogenpolizei, General Ali Moayyedi, am 6. Januar bekannt. Mit anderen Worten: In den vergangenen neun Monaten sind fast 200.000 Menschen wegen Drogendelikten verhaftet worden.

Laut General Ahmadi Moghaddam, dem Oberbefehlshaber der Sicherheitskräfte der Islamischen Republik, gibt es im Iran 1,2 Millionen abhängige Dauerkonsumenten, darunter 400.000 Heroinsüchtige. Eine Statistik, die von Experten jedoch angezweifelt wird, da sie seit sechs Jahren konstant geblieben ist. Sogar der ehemalige Chef der Leitstelle zur Drogenbekämpfung (Drug Control Headquarters), Ali Hashemi, stellt diese offiziellen Zahlen in Frage.

Laut der zentralen Gerichtsmedizin des Iran sind in den vergangenen sieben Monaten 2.169 Personen an den Folgen von Drogenmissbrauch gestorben; allein 595 davon in Teheran. Dies sei im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr eine Steigerung von vier Prozent, so die Behörde. Zum Vergleich: In Deutschland gab es 2010 weniger als 1.240 Drogenopfer.

Drogensucht an Schulen

Bildungsminister Haji-Babaie: "Ich leugne nicht, dass manche Schüler drogenabhängig sind, aber sagt mir, wo gibt es in diesem Land keine Drogenabhängigen?“

Bildungsminister Haji-Babaie: "Ich leugne nicht, dass manche Schüler drogenabhängig sind, aber sagt mir, wo gibt es in diesem Land keine Drogenabhängigen?“ Foto: www.3noqte.com

Die Zahl drogenabhängiger Schüler wird von den Verantwortlichen seit mehreren Jahren konstant mit 30.000 angegeben. Doch Bildungsminister Hamid-Reza Hadji-Babaie steht wegen Geheimhaltung der wahren Zahlen in der  Kritik. Seine Reaktion darauf lautet: „Selbst wenn ich die genaue Zahl drogensüchtiger Schüler hätte, würde ich sie nicht bekanntgeben. Ich leugne nicht, dass manche Schüler drogenabhängig sind, aber sagt mir, wo gibt es in diesem Land keine Drogenabhängigen?“ Zuvor hatte Polizeichef Ahmadi Moghaddam protestiert: „Das Bildungsministerium entlässt drogenabhängige Schüler von den Schulen und behauptet dann, es gäbe dort keine Drogensüchtigen. Deshalb sind die meisten unserer Drogenabhängigen Schulabbrecher.“

Verfügbare Drogen

Nach Untersuchungen des „Arya Strategic Studies Center“ beträgt die Beschaffungszeit für Drogen im Iran zwanzig Minuten, in Teheran dürfte sie noch kürzer sein. Das bedeutet, dass zwischen dem Entscheidungsmoment bis zur Verfügbarkeit der Drogen für den Konsumenten im Iran weniger als eine halbe Stunde liegt. Studien des Forschungszentrums des Parlaments zufolge werden im Iran täglich sechs Millionen Euro für Drogen ausgegeben. Demnach werden jährlich Drogen für über 200 Millionen Euro umgesetzt.

Folgen der Sucht

Nach Angaben des Verhaltensforschers Madjid Abhari, Berater des Sozialausschusses des iranischen Parlaments und der Sicherheitskräfte, haben 68 Prozent der Straftaten wie Diebstahl, bewaffneter Raubüberfall und Geiselnahme ihre Ursachen in der Drogensucht. „Die meisten Gefangenen sind Drogenabhängige, vor allem Konsumenten synthetischer Drogen“, so der Experte. Dem Gesundheitsministerium zufolge ist Drogenabhängigkeit auch der wichtigste Scheidungsgrund im Iran.

Sinnloser Kampf

Laut dem „Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung“ hat der Iran nach Afghanistan den zweithöchsten Drogenkonsum in der Welt.

Die Verbreitung von Drogen hat im Iran eine lange Geschichte. Erste Bemühungen des Staates zur Kontrolle dieses Phänomens wurden Anfang des 20. Jahrhunderts unternommen. Der erste Gesetzentwurf in Bezug auf Drogen wurde 1910 dem Parlament vorgelet, doch das Gesetz wurde erst neun Jahre danach erlassen. Anfang der 1920er Jahre war der Iran einer der größten Drogenproduzenten der Welt. Es dauerte noch etwa dreißig Jahre, bis die iranische Regierung ein Anbau- und Produktionsverbot erließ. Dennoch wurden bis zum Ende des Pahlewi-Regimes 1979 keine nennenswerten Erfolge im Kampf gegen Drogen verzeichnet.

Nach der islamischen Revolution wurden 1980 Anbau, Produktion und Konsum der Mohnpflanze zum Delikt erklärt und verboten. Um den Kampf gegen Drogen besser zu organisieren, wurde 1988 die Leitstelle zur Drogenbekämpfung ins Leben gerufen. Doch setzte der Staat seither auf strenge Strafen und Todesurteile für Drogenkriminelle, statt die Ursachen des Drogenkonsums zu erforschen und präventive Maßnahmen zu ergreifen. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden bereits 300 Todesurteile gegen Drogendealer verhängt.

Autor: Behruz Samad-Beygi

Quelle: Rooz-Online

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